Pendeln zum Arbeitsplatz als Belastung

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Auch wenn die Bedeutung von Home-Office-Tätigkeiten langsam steigt, legen noch immer die meisten Arbeitnehmer regelmäßig einen beträchtlichen Weg zum Arbeitsplatz zurück. 8,5 Millionen der Beschäftigten in Deutschland sind länger als eine Stunde unterwegs, um den einfachen Weg von ihrem Zuhause zu ihrem Arbeitsplatz zurückzulegen.

Und für 6 Millionen Arbeitnehmer in diesem Land liegt der Arbeitsplatz mehr als 25 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. Insgesamt geben 60 Prozent aller Beschäftigten an, dass sie für ihren Beruf ihre Gemeindegrenze verlassen müssen – das betrifft also über 17 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland. Man kann also zurecht von einer Nation von Pendlern sprechen.

Negative Konsequenzen für geistige und körperliche Gesundheit

Pendeln führt dabei zu einer Vielzahl verschiedener Belastungen: So äußert eine große Zahl der Pendler in Befragungen regelmäßig, dass der lange Weg zur Arbeit mit der permanenten Angst, zu spät zu kommen verbunden ist und somit zu einer Art chronischem Stress führt.

Das amerikanische Fachmagazin ‚Psychology Today‘ hat eine große Studie mit Pendlern durchgeführt, die zu dem Ergebnis gekommen ist, dass eine weitere Ursache für das Gefühl des Stresses, den die Pendler empfinden, in der Unkontrollierbarkeit der zeitlichen Dauer der Reisezeit (Stau, Zugausfälle etc.) liegt, was zu einem Gefühl des Kontrollverlusts über das eigene Leben bei den Arbeitnehmern führt.

Des Weiteren belegt die Studie, dass als Folge des Gefühls von chronischem Stress bei Pendlern ein überdurchschnittlicher Anstieg des Blutdrucks zu beobachten ist. Außerdem stellen die Forscher in der Studie verstärkte Muskel- und Rückenerkrankungen (aufgrund des Bewegungsmangels) sowie einen Anstieg negativer Gefühle wie Angst oder Feindseligkeit fest.

Einsam und krank

Ein weiteres Problem des täglichen Pendelns ist die Tatsache, dass die Zeit, die für die Fahrt zur Arbeit aufgewendet wird, an anderer Stelle fehlt. So haben Pendler weniger Zeit für Liebe, Familie und Freunde und weniger Zeit für sportliche Betätigungen und Hobbies, die als Ausgleich zur Arbeit dienen könnten. Die Zeit des Pendelns wird zudem in der Regel alleine zugebracht. All diese Faktoren veranlassten den Autor Claas Tatje, der sich in einem langen Essay in der Wochenzeitung „Die Zeit“ mit den Auswirkungen des Pendelns beschäftigt hat, zu der pointierten Zusammenfassung: Pendeln macht einsam und krank.

Dies belegt auch eine Untersuchung der schwedischen Geografin Erika Sandow, die Tausende schwedischer Pendlerbiografien untersucht hat: Dabei hat sie sich insbesondere mit Ehepaaren beschäftigt und untersucht, was passiert, wenn ein Partner 30 oder mehr Kilometer zur Arbeit fährt: Danach ergab die Studie, dass diese Pendler eine um 40% höhere Wahrscheinlichkeit des Scheiterns der Ehe und der Scheidung haben als Nicht-Pendler.

Auch die Gesellschaft leidet

Welche weiteren negativen Konsequenzen durch das Pendeln für die Gesellschaft als Ganzes entstehen, belegt der US-amerikanische Soziologe Robert Putnam in seinem Buch „Bowling Alone“: Darin ist er zu der Erkenntnis gekommen, dass zehn Minuten zusätzliches Pendeln einhergehen mit einer Reduzierung des gesellschaftlichen und sozialen Engagements um zehn Prozent.

Es gibt also eine Fülle guter Gründe darauf zu achten, Beschäftigte nicht zu sehr dem Stress des Pendelns auszusetzen. Eine wirksame Maßnahme für mehr Glück und Gesundheit kann es sein, den Arbeitnehmern Zeit im Home Office zuzugestehen, wann immer dem Arbeitgeber dies möglich erscheint.

Michael SiegleComment